Die große Datenanalyse: Wie sich der Fußball bei WM-Endrunden von 1966 bis 2018 verändert hat
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Die große Datenanalyse: Wie sich der Fußball bei WM-Endrunden von 1966 bis 2018 verändert hat

Vor der im November 2022 startenden Weltmeisterschaft in Katar blickt Stats Perform auf die Entwicklung des Fußballs bei WM-Endrunden. Mit den qualitativ und quantitativ hochwertigsten und am weitesten zurückgehenden Daten der Weltmeisterschaften taucht der Leser ein in eine Welt, in der Liberos mit dem Ball am Fuß noch ungestört gegnerische Ketten durchbrachen, während die Spielanlagen der verschiedenen Nationen heutzutage mehr denn je durch taktische Vorgaben beeinflusst werden.  


30. Juli 1966, im Finale der Weltmeisterschaft zwischen England und Deutschland läuft die 101. Spielminute. Ein Abschluss des Engländers Geoff Hurst knallt von der Unterkante der Latte senkrecht nach unten, der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst entscheidet auf Tor, die Three Lions gehen mit 3-2 in Führung und holen sich letztlich den bis dato einzigen WM-Titel der Verbandsgeschichte. Nahezu jeder Fußballfan kennt dieses sagenumwobene Tor aus dem Londoner Wembley Stadium, doch aufgrund der äußerst schwachen Qualität der Fernsehbilder ist bis heute nicht eindeutig zu belegen, ob der Ball die Torlinie wirklich überquert hatte. Vergleicht man die Aufnahmen von 1966 mit der Weltmeisterschaft 2018, liegen Welten zwischen der Bildqualität.

Anders sieht es bei der Qualität der Datenerfassung von Stats Perform aus. Opta hat seit jener Weltmeisterschaft 1966 in England die tiefgehendsten Daten auf dem Markt, und aufgrund der detaillierten und präzisen Erfassung gibt es keinerlei qualitative Unterschiede zwischen den Turnieren. Ob man das Vorrundenaus bei der WM 2018 des DFB-Teams mit dem gewonnenen Turnier 1974 in Deutschland vergleicht oder Unterschiede und Parallelen im Spielstil von Franz Beckenbauer und Joshua Kimmich darstellen will – Opta hat hierfür die tiefsten Metriken und Insights zu Teams und Spielern. Im folgenden Artikel wird anhand von Zahlen und Fakten aufgezeigt, wie sich die Spielweise im Fußball in den vergangenen 14 WM-Endrunden verändert hat.


Mit Pässen zum Erfolg, nicht mit der Brechstange

Bei der Weltmeisterschaft 1974 konnten Liberos – ein Relikt aus alter Zeit und mittlerweile unvorstellbar im modernen Fußball – beinahe ungestört mit dem Ball am Fuß marschieren, ehe sie irgendwann ihrem Nebenmann übergaben. Heute sieht das aufgrund des Pressings und der Kompaktheit der Mannschaften ganz anders aus. Die Teams stehen deutlich höher und attackieren den Gegner früher, weswegen das kontrollierte Passspiel im Spielaufbau den zentralen Mittelpunkt darstellt. Bei der Weltmeisterschaft 2018 gab es pro Spiel 926 Pässe zu sehen und damit mehr als je zuvor seit detaillierter Datenerfassung.

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Zudem waren es 2018 im Schnitt satte 21 Spielzüge, die jeweils mindestens 10 Pässe beinhaltenen, und durchschnittlich 3.6 Zuspiele pro Spielzug – beides ebenfalls Höchstwert. Die erhöhte Anzahl an Passen führte nicht nur zu einer erhöhten Komplexität im Spielaufbau, sondern auch zu einer gesteigerten Spielgeschwindigkeit. Es wird stets gezielt und konzentriert auf einen qualitativ hochwertigen Abschluss hingearbeitet, ohne Brechstange, sondern mit mehr Sinn und Verstand.


Weniger Abschlüsse, dafür mehr Qualität

Blickt man zunächst auf die Quantität der Torschüsse, so gab es für die Zuschauer in der Vergangenheit noch einige mehr Abschlüsse zu sehen. 1970 waren es pro Partie im Schnitt 42 Torschüsse, dieser Höchstwert sank über die Jahre auf den Tiefstwert von 25 Torschüssen pro Partie, aufgestellt bei der vergangenen Weltmeisterschaft 2018.

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Neben kompakter stehenden Abwehrreihen auch vermeintlich kleiner Nationen liegt der Hauptgrund der wenigen Torschüsse darin, dass die Trainer getreu des Prinzips „Qualität vor Quantität“ spielen lassen. Es gilt also, lieber aus einer qualitativ hochwertigen Situation abzuschließen als ständig aus der zweiten Reihe sein Glück zu versuchen. Wie bemerkenswert die durchschnittliche Distanz der Torversuche zurückgegangen ist, veranschaulicht die folgende Grafik:

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Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache dafür, dass sich die Entscheidung für Qualität ausgezahlt hat.

Das Expected-Goals-Modell von Stats Perform zeigt, welche Qualität ein Abschluss besitzt, also wie wahrscheinlich ein durchschnittlicher Spieler aufgrund seiner Abschlussposition und vieler weiterer Faktoren ein Tor erzielt. 2018 hatten die Spieler der 32 Nationen durchschnittlich einen xG-Wert von 0.104 pro Torschuss. Die Torversuche hatten also im Schnitt eine Erfolgsquote von 10.4% – damit wurde bei jener Endrunde ein neuer Rekord aufgestellt. Wie gut das xG-Modell berechnet ist, zeigt der Fakt, dass der durchschnittliche xG-Wert dem der Chancenverwertung (10.4%) bei besagtem Turnier gleicht!


Standards vermeiden ist die Devise

Eigene Standard-Spezialisten, die ausschließlich ruhende Bälle im Offensiv- und Defensivbereich einstudieren, sind mittlerweile normaler Bestandteil eines Trainerteams. Deshalb wird penibel darauf geachtet, unnötige gegnerische Standardsituationen zu vermeiden. Waren es bei der Weltmeisterschaft 1966 noch knapp 33 Fouls pro Partie, wurden die Spieler beim Turnier 2018 lediglich 27-mal pro Spiel unfair gestoppt – das ist Tiefstwert seit detaillierter Datenerfassung. Zudem gab es bei der WM 2018 nur 9.4 Ecken pro Spiel – dieser Wert ist ebenfalls ein Allzeit-Tief und liegt deutlich unter dem bei der WM 1966 aufgestellten Höchstwert von durchschnittlich 13.2 Eckbällen.

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Dass das Vermeiden von gegnerischen Standards seine Rechtfertigung hat, zeigt auch der Fakt, dass trotz auffällig weniger Standardsituationen mehr Treffer nach eben solchen ruhenden Bällen entstehen – 2018 gab es im Schnitt in jedem zweiten Spiel eine direkte Torvorlage auf diese Weise, was nicht nur den Höchstwert darstellt, sondern auch den Wert von 1966 verdoppelt hat, wo es nur jede vierte Partie war.


Immer weniger Flanken aus dem Spiel

Auch aus dem offenen Spiel heraus werden Hereingaben in den Sechzehner immer weniger als taktisches Mittel genutzt und zeitgleich auch aggressiver verteidigt. Das Flachpassspiel steht im Mittelpunkt, deshalb ist die Anzahl der Flanken aus dem offenen Spiel heraus rapide gesunken – 1966 wurde am häufigsten geflankt, satte 41-mal pro Partie, 2018 nur 23-mal, was einen neuen Tiefstwert bedeutete. 

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Neuer prägte das Bild des modernen Torhüters

Bei der Weltmeisterschaft 2014 bewies Manuel Neuer der ganzen Welt, dass das Spiel des Torwarts mehr beinhaltet als Bälle zu parieren und Flanken abzufangen. Er eilte regelmäßig aus dem Strafraum, um in waghalsiger Manier gefährliche Aktionen zu bereinigen, und zeigte auch mit dem Ball am Fuß, dass er den Spielaufbau beschleunigen will und sich fußballerisch nicht vor seinen Feldspieler-Kollegen zu verstecken braucht. Spätestens da war das Bild des modernen Torhüters für jede Person sichtbar.

Am eindrucksvollsten war Neuers Leistung im Achtelfinale auf dem Weg zum Titel. In den nervenaufreibenden 120 Minuten gegen Algerien war es wohl ihm zu verdanken, dass Deutschland nicht ausschied. Neuer hatte nach Spielende 10 sogenannte Keeper Sweeper vorzuweisen. Unter einem Keeper Sweeper versteht man das Herauslaufen des Torhüters aus dem Strafraum, um eine Aktion zu klären. Die 10 klärenden Aktionen in Libero-Manier außerhalb des Sechzehners sind bis heute Rekord. Seine Touchmap aus der Partie gegen Algerien zeigt seinen großen Bewegungsradius und seine zahlreichen Ballaktionen außerhalb seines eigentlichen Terrains, dem Strafraum:

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Franz Beckenbauer – der Kaiser unter den Liberos

Doch den wahren Libero personifizierte kein anderer so sehr wie Franz Beckenbauer. Beckenbauer setzte in vielen Bereichen Maßstäbe, seine Antizipation, seine Übersicht und seine aufrechte Körperhaltung verkörpern den Prototyp des Liberos, den es in dieser Form nicht mehr gibt. Er war über viele Spielzeiten die Schaltzentrale einer sehr erfolgreichen deutschen Mannschaft, was 1974 im Gewinn des WM-Titels gipfelte. Beckenbauers Wichtigkeit für das Spiel kann man nicht an Torbeteiligungen messen, aber dank der fortgeschrittenen Datenanalyse gibt es inzwischen viele verschiedene Ansätze dafür. Deshalb haben wir uns den Arbeitsnachweis des „Kaisers“ bei der WM 1974 genauer unter die Lupe genommen.

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Zuerst zum Naheliegenden, von allen 267 eingesetzten Spieler hatte Beckenbauer bei der WM 1974 die meisten Ballaktionen (664) und spielte die meisten Pässe (555). Wenn er Spielzüge nicht selbst eröffnete, war er die erste Anspielstation im Team:

  • Beckenbauer war an 457 Spielzügen (Topwert!) beteiligt und drückte damit dem Turnier seinen Stempel auf wie kein anderer Spieler.
  • Beckenbauer initiierte 102 Ballstafetten aus dem laufenden Spiel – der dritthöchste Wert im Turnier.
  • Beckenbauer war an fünf herausgespielten Angriffen beteiligt, die mit einem Tor endeten– Bestwert der Defensivspieler und nur eine Torbeteiligung hinter dem absoluten Topwert im Turnier (6).

Mit dem Spielgerät am Fuß bewahrte Beckenbauer immer die nötige Ruhe und sorgte mit seiner Übersicht und seiner Spielintelligenz für wichtige Raumgewinne. 203-mal führte der Libero den Ball während des Turniers über mindestens fünf Meter am Fuß – Topwert. 161-mal folgte im Anschluss der sogenannten „Carries“ ein Pass – ebenfalls Topwert. Und nur 7-mal suchte Beckenbauer im Anschluss dieser Alleingänge selbst den Abschluss, was für seine mannschaftsdienliche Spielweise spricht.

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Kimmich nimmt nun die zentrale Rolle ein

Mit der Veränderung der Spielweise ist auch die Position des Liberos verschwunden bzw. wurde dessen Aufgabe auf mehrere Schultern aufgeteilt, wie beim Beispiel Neuer schon erläutert. Trotzdem gibt es auch bei aktuellen Spielern Parallelen zum Kaiser. Im deutschen Nationalteam nimmt beispielsweise Joshua Kimmich eine ähnlich zentrale Rolle ein. In der Qualifikation zur WM 2022 hatte Kimmich die meisten Ballaktionen (987) seiner Mannschaft und spielte die meisten Pässe (851). Wenn er Spielzüge nicht selbst eröffnet, ist er die erste Anspielstation im Team.

  • Im Schnitt war Kimmich an 69 Spielzügen pro Begegnung beteiligt – nur Kroatiens Luka Modric (72) unter allen Spielern mit mindestens 500 Einsatzminuten in der WM-Qualifikation an mehr.
  • Kimmich war an sieben herausgespielten Angriffen beteiligt, die mit einem Tor endeten – nur eine Beteiligung hinter dem Bestwert (8) aller 1744 eingesetzten Spieler in der Qualifikation.

Kimmich bewahrt ähnlich wie Beckenbauer die nötige Ruhe mit dem Ball am Fuß und sorgt für wichtige Raumgewinne. 212-mal führte Kimmich den Ball während der Qualifikation über mindestens fünf Meter am Fuß – nur Niederlandes Frenkie de Jong bei deutlich mehr Spielzeit häufiger (309-mal).

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Wie drückt Hansi Flick dem Spiel den Stempel auf?

Hansi Flick, Nachfolger von Joachim Löw als Trainer des DFB-Teams, kann bei der Weltmeisterschaft in Katar bei seinem ersten großen Turnier als Chefcoach der Nationalmannschaft unter Beweis stellen, inwiefern er den Fußball und die Spielanlage verändert hat, und welche Rollen er seinen Spielern zuteilwerden lässt. Das deutsche Aus in der Gruppenphase der WM 2018, als in drei Spielen nur zwei Tore gelangen, sollte damit endgültig der Vergangenheit angehören, denn neue Zeiten sind eingeläutet. Und der Fußball verändert sich bekanntlich stetig.

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